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Hallo, ich bin schüchtern. – Buchrezension für „Verstecken gilt nicht!“ von Melina Royer (vanillamind.de)

Melina Royer Verstecken gilt nicht! Wie man als Schüchterner die Welt erobert Von der Autorin des Blogs „Vanilla Mind“ Kailash Verlag

In den letzten Tagen habe ich Verstecken gilt nicht! von Melina Royer gelesen und überlege nun, wie ich das auf dem Blog verarbeiten kann. Nicht, dass ich es verarbeiten müsste, ich mache das vollkommen freiwillig, weil ich will. So ganz scheint das Thema dann aber im ersten Augenblick ja nicht zu passen. Hier geht es ja eigentlich nicht um Schüchternheit und die Probleme, die das beim Erobern der Welt so machen kann.

Ich möchte aber trotzdem drüber schreiben, weil es mir wichtig ist.

Relativ viele Leute, auch viele, die mich persönlich kennen, würden mich vermutlich nicht unbedingt als schüchtern bezeichnen. Ich verstehe das. Ich rede ziemlich viel und ziemlich schnell, weil ich eben gleich noch was zu erzählen habe, und kann eigentlich relativ unterhaltsam sein. (Befragt mich mal zu dem Thema, wieso man bei einem Junggesellinnenabschied nicht am Stripper sparen sollte, wenn man denn unbedingt einen haben muss. Die. beste. Geschichte. ever. Außer wenn man dabei war, dann war es einfach nur schlimm.) Auch Personen, die mich besser kennen (vielleicht von uberhusband abgesehen) halten mich allgemein eher nicht für schüchtern. Ja gut. Surprise. Ich bin schüchtern. Ich fasse das in der Regel nicht in diese Worte, eigentlich fasse ich es in überhaupt keine Worte.  Ist aber so.

Das Thema ist mir aber wichtig und das Bedürfnis, doch mal darüber zu reden, steigt leicht. Es betrifft und belastet mich nämlich, auch wenn man das vielleicht nicht sofort vermutet. Denn (um mal Goethe zu zitieren) zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Manchmal bin ich offen und laut und ich selbst. Und manchmal bin ich leise und schüchtern und immer noch ich selbst.

Als grundsätzlich introvertierter Mensch ziehe ich einen Großteil meiner Energie aus Zeit mit mir selbst und ganz oft ist die Gesellschaft anderer Menschen eine Belastung für mich. In gewisser Weise bin ich, unabhängig von (aber irgendwie doch passend zu) meiner Introvertiertheit, auch schüchtern. Nur mag ich das Wort nicht, weshalb ich es eigentlich nicht benutze. Für diesen Post mache ich der Einfachheit halber mal eine Ausnahme. Dennoch: Schüchtern klingt nach kleinen, hilflosen Mädchen mit scheuen Rehaugen, ohne eigene Meinung. Das bin ich nicht.
Auf Englisch würde man mein Schüchtern vermutlich anxious sagen, aber das deutsche ängstlich trifft es einfach nicht. Das klingt wiederum nach zitterndem Häschen, kurz davor von der bösen Schlange aufgefressen zu werden.

Die Terminologie ist genauso komplex wie das Thema und es geht hier eigentlich auch gar nicht um eine Offenlegung meiner inneren Gefühlswelt, sondern um Melinas Buch.

Und vielleicht fange ich da einfach mal bei Melina an. Ich folge ihr bzw. kenne ihren Blog Vanilla Mind noch gar nicht so lange, genau genommen erst seit dem Blogst BarCamp dieses Jahr in Hamburg. Dort saß ich in einer Session, in der sie auch saß und ich glaube, es ging um die Zukunft des Bloggens oder so. Ist eigentlich auch egal. An irgendeinem Zeitpunkt dieser Session sprach Melina sehr direkt, eindrucksvoll und ausdrucksstark, weshalb sie ihren Blog betreibt. Nämlich, weil sie anderen, die genau wie sie selbst schüchtern sind und darunter leiden, helfen möchte, weil sie genau weiß, wie scheiße es ihnen geht. Das machte ordentlich Eindruck auf mich und im ersten Moment blitzte ein Aber was redet sie, DIE ist doch nicht schüchtern! durch meinen Kopf, das aber gleich wieder verschwand, weil ich selbst ja auch eher nicht schüchtern wirke.

Ich wollte Melina gerne nach der Session noch ansprechen, traute mich dann aber irgendwie nicht. Ja, das habt ihr richtig gelesen. Die eine schüchterne Frau (moi) traut sich nicht, die andere schüchterne Frau (Melina) anzusprechen, obwohl die gerade erzählt hat, dass sie nicht nur selbst auch schüchtern ist, sondern sogar anderen Schüchternen helfen will. Im Nachhinein bekloppt, oder? War dann aber nunmal so und ich verfolgte sie lieber online. (Nicht wie so ein creepy Stalker, sondern halt so ganz normal auf Social Media…)

So kam es dann, dass ich auch von ihrem Buch Verstecken gilt nicht! Wie man als Schüchterner die Welt erobert erfuhr und es einfach mal vorbestellte. Ich war nicht so ganz sicher, ob es mein Ding sein würde, weil ich mich ja nicht als schüchtern sehe und außerdem auch nicht die Welt erobern will. Aber 12 Euro war es mir dann doch wert. Fast allein schon, um das Cover zu streicheln. Das ist nämlich nicht nur hübsch, sondern auch was für die kleinen Haptiker unter uns.

Ich habe das Buch dann aber trotz intensiver Beschäftigung mit dem schönen Spot-Druck aufgeschlagen und gelesen. Manche Kapitel, vor allem die ersten beiden, sogar mehrfach. Da geht es nämlich darum, wer wir, die Schüchternen überhaupt sind und was mit der Schüchternheit noch alles so kommt. Natürlich sind schüchterne Menschen nicht alle gleich, aber es gibt eben Merkmale, die alle mehr oder weniger gemeinsam haben. Auch die Begleiter sind nicht bei allen gleich, so weise ich z. B. keinen ausgeprägten Perfektionismus auf, sondern habe vielmehr ein Herz für pragmatische Lösungen. Aber es gibt eben doch eine große Schnittmenge.
Ich habe diese Kapitel mehrfach gelesen, weil es gar nicht so leicht ist, sich selbst in diesem ganzen Spektrum aus introvertiert – schüchtern – hochsensibel (Ja, das spielt da auch noch oft mit rein. Jackpot.) – anxious – weißderGeierwasnoch zu verorten. Nicht, dass mir das inzwischen gelungen wäre, aber ich war irgendwann zumindest so zufrieden, dass ich weiterlesen wollte.

Melina Royer Verstecken gilt nicht! Wie man als Schüchterner die Welt erobert Von der Autorin des Blogs „Vanilla Mind“ Kailash Verlag

Ich sehe Verstecken gilt nicht! eher als Arbeitsbuch, denn als Ratgeber. Melina lädt den Leser ausdrücklich dazu ein, im Buch ruhig zu springen und gibt ganz konkrete Tipps, die man anwenden kann. Eins ist aber auch klar: Das Buch kann und will keine Therapie ersetzen, die für manche Schüchterne sicher die bessere und notwendige Lösung ist. Melina berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen, begibt sich zusammen mit dem Leser auf die Reflexionsebene und spricht ihn auch sehr direkt an. Fun Fact: Weder Berichte in Ich-Form noch direkte Anrede des Lesers in der Du-Form mag ich bei klassischen Ratgebern, aber in Melinas Buch wirkt es authentisch. Ich bin nicht sicher, wieso. Vielleicht kenne ich es einfach schon vom Blog oder es ist einfach der Tatsache geschuldet, dass das ganze Buch sehr bodenständig und klar geschrieben ist. No fuzz, no bullshit. Eins meiner Lebensmottos. (Ja, ich hab auch gerade nachgeguckt, ob das der korrekte Plural ist. Motti geht auch.)

Melina gibt, neben einer eher theoretischen Einführung mit vielen, vielen persönlichen Beispielen, im Buch Tipps und Aufgaben für die Bildung und die Aufrechterhaltung eines neues Mindsets. Das alles klingt hier jetzt sehr theoretisch, ist es aber nicht. Neben Melinas persönlichen Geschichten kommen auch andere in Erfahrungsberichten zu Wort. Mir hat Verstecken gilt nicht! beim Lesen gut gefallen, da man eben nicht das Gefühl hat, einen Ratgeber zu lesen, sondern eher einfach gute Tipps von einer Bekannten zu bekommen. Die Anwendungs- oder Arbeitsphase ist für Schüchterne dann aber sicher nicht leicht. So weit bin ich aber noch nicht. Ich will jetzt aber mit der Rezension ja auch nicht warten bis ich die Welt erobert habe – dann habe ich auch ohnehin keine Zeit mehr.

goodbye and fernwell,

Miriam

Nochmal alle Key Facts zum Buch:

Melina Royer
Verstecken gilt nicht!
Wie man als Schüchterner die Welt erobert
Von der Autorin des Blogs „Vanilla Mind“
Kailash Verlag

 

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1 Comment

  • Reply Melina | vanilla-mind.de

    „Die eine schüchterne Frau (moi) traut sich nicht, die andere schüchterne Frau (Melina) anzusprechen, obwohl die gerade erzählt hat, dass sie nicht nur selbst auch schüchtern ist, sondern sogar anderen Schüchternen helfen will.“
    – Muahahaa, ich habe mich herrlich amüsiert. Rate mal, wer eigentlich gar nicht zur Blogst kommen wollte und nur ein Ticket gekauft hat, weil zwei Freunde da waren?

    Vielen, vielen Dank für deine ehrliche Rezension! Ich sehe es genauso wie du, das Wort „schüchtern“ ist einfach unheimlich schwammig, da ist die deutsche Sprache wenig hilfreich. Ich glaube, sehr viele Leute würden sich selbst nicht als schüchtern bezeichnen. Bei einigen betrifft das ja durchaus auch nur einen Bereich ihres Lebens und nicht pauschal jede Situation wie bei mir. Ich habe aber selbst kein besseres Wort für dieses Gefühl des „Sich-Einigelns-aus-Angst-es-zu-versauen“ oder des „Lieber-Leidens-statt-mal-auf-Menschen-zuzugehen“. So würde man im Französischen vermutlich Begriffe zusammenbauen. Auch nicht cool. 😉 Ich denke, das Buch ist für alle Leute geeignet, die sich selbst zum größten Feind haben.

    Freut mich jedenfalls sehr, dass du meine Worte als authentisch empfindest! Ich schreibe tatsächlich genauso, wie ich rede. Und ich sträube mich gegen das Siezen. So hätte ich niemals schreiben können, ich wäre mir furchtbar fremd dabei vorgekommen. Mit Menschen, die ich Siezen muss, rede ich nicht über Gefühle.

    Ich bin gespannt, wie du den Praxisteil findest! Der hat mir am meisten Spaß gemacht, auch wenn du schon richtig betonst, dass das der schwerste Teil ist. „Wenn es einfach wäre, würde es jeder tun“, wiederhole ich an dieser Stelle meist gebetsmühlenartig.

    Alles Liebe,
    Melina

    P.S.: Wenn du magst, würdest du deine Rezension auch bei Amazon posten? Das würde mir wirklich viel bedeuten!

    10. September 2017 at 11:48
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