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Und wofür brennst du? – Vom Druck sein Ding zu finden, wenn man sich einfach für alles ein bisschen interessiert.

Und wofür brennst du?

Du musst für deine Sache brennen. ist ein Satz, der mir relativ oft begegnet. Ziemlich oft. Häufig in meiner Online-Filterblasen-Welt, aber auch offline. Von (selbsternannten) Work and Life Coaches und einfach so, von Freunden und Bekannten. Für eine, nämlich seine eigene, Sache brennen ist nicht nur the next hot shit, sondern offenbar auch absolut notwendig, um sein Glück zu finden.

Häufig geht es bei den Geschichten, die erzählt werden, wenn jemand für eine Sache brennt, um berufliche Verwirklichung, um den Ausstieg aus einem 0815- (oder eben 9-to-5) Arbeitnehmerverhältnis in die Selbstständigkeit, es ist aber auch auf private und persönliche Verwirklichung zu übertragen. Oft genug geht das auch scheinbar nahtlos ineinander über.

Ich kenne, ob nun online oder persönlich, viele Leute, die sehr für eine Sache brennen. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit, das mir gerade gut im Gedächtnis ist. (Bei weitem aber nicht das einzige Beispiel, ich könnte viele, viele weitere aufzählen!):
Beim Shibori-Kurs bei ranipink fiel mir auf, wie sehr Petra ihre Sache gefunden hat. Sie erzählte, dass sie sich und ihre Färbetechnik immer weiter entwickeln und perfektionieren will. Ich stand daneben, nickte aufrichtig bewundernd.

Vielleicht ist mir dieses Beispiel nicht nur so gut im Gedächtnis, weil es eben erst ein paar Tage her ist, sondern weil ich auf der fast 5-stündigen Heimfahrt von Hannover Zeit zum Grübeln hatte. Ich grübelte, regte mich über den Verkehr auf, lichthupte bekloppte Menschen ohne Licht in der Dämmerung an und grübelte weiter. Es ratterte in mir. So kann man auch mal 5 Stunden verbringen und sich selbst in den Wahnsinn treiben.

Wofür brennst du eigentlich? Du musst auch für deine Sache brennen! Mensch, Miriam, wo ist deine Sache für die du brennst? Jetzt brenn doch endlich mal für eine Sache, verdammt!

Dass das nichts wurde, ist klar. Mit Druck findet man keine Passion. Ich kam aber ohnehin zu einem anderen Ergebnis: Ich habe keine Sache für die ich brenne. Also nicht so richtig.

Sicher, mein Beruf, Lehrerin an einer Berufsschule, ist etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Etwas, das ich unbedingt machen will. Das weiß ich spätestens dann, wenn gerade mal wieder alles schief und durcheinander und etwas aus dem Ruder läuft und es sich trotzdem noch nach no place I’d rather be anfühlt. Gerade bei meinem Beruf bin ich der Überzeugung, dass man ihn machen muss, weil man ihn machen will. Lehrer, die nur für die Ferien und die Sicherheit des Beamtenstatus Lehrer werden, machen den Zirkus nicht lange mit. Oder sich selbst kaputt.

Und dennoch würde ich nicht sagen, dass mein Beruf die eine große Sache ist für die ich brenne. Vielleicht habe ich überhöhte Ansprüche an das Gefühl des Brennens, vielleicht suggeriert mir meine Umwelt aus Selbstständigen, Medienmenschen und Kreativen auch ein wenig zu sehr, dass mein Beruf kein cooler ist. Wie soll man für so etwas Spießiges brennen? Ich weiß es nicht. Nur das Gefühl bleibt.

Das Gefühl, dass ich doch noch für eine Sache brennen müsste. Ein Hobby, eine Passion, irgendetwas halt. Etwas, in dem ich ohne Druck von außen immer besser werden werden. Etwas, das in mir die ultimative intrinsische Motivation hervorruft.

Ich dachte und denke viel darüber nach. Fühlte und fühle mich falsch, unnütz und zu nichts zu gebrauchen. Irgendwann, nach einer längeren Grübelphase, ging mir ein Licht auf. Eher ein kleines Licht, aber immerhin:

Ich interessiere mich für so viele Dinge, dass ich für keine Sache brennen kann. Ich habe nicht die eine große Sache, bei der ich den Drang verspüre, mich zu perfektionieren. Vielmehr interessiere ich mich für viele Dinge ein bisschen.

Zusammen mit meiner eher ungeduldigen Persönlichkeit und meiner oft eher niedrigen Frustrationstoleranz kommt dabei heraus, dass ich 1.000 Dinge ausprobiere und dann weiter zur nächsten Sache hüpfe. Manche bezeichnen so etwas als vielbegabte und / oder Scanner-Persönlichkeit, aber in den meisten Büchern und Artikeln, die man zu diesem Thema findet, geht es um die berufliche Seite. Dass diese mich nicht so wirklich betrifft, da ich wirklich sehr gerne Lehrerin bin, ist für mich ziemlich klar. Dass ich gewisse Merkmale dieser Persönlichkeitsform aufweise, ist aber auch offensichtlich.

Und wofür brennst du? - Vom Druck sein Ding zu finden, wenn man sich einfach für alles ein bisschen interessiert. Vielbegabte und Scanner-Persönlichkeiten interessieren sich nicht für die eine große Sache, sondern springen von Thema zu Thema.

Und nun?

Ich brenne also nicht für die eine Sache. Ich habe keine Nische. Ich werde vermutlich nie die eine große Passion meines Lebens finden, in der ich mich perfektioniere. Ich werde weiterhin tausend Dinge ausprobieren, überall mal hinein schnuppern, und vermutlich – im klassischen Sinne – nichts zu Ende bringen.

Und das ist auch ok so. 

Ich schreibe das hier auf, weil ich lange brauchte, um das zu erkennen. Weil die Welt da draußen eben anders tickt und nicht immer verständnisvoll auf Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur reagiert. Im Gegenteil, es gibt reichlich Vorurteile und Verurteilungen, da sie eben scheinbar nichts zu Ende bringen und kein Durchhaltevermögen haben.

Ich kann zwar keine wissenschaftliche und allgemein gültige Erklärung und Analyse bieten, aber das will ich ja auch nicht. Ich will meine Sicht der Dinge beschreiben. Und vielleicht sind da draußen unter Euch ja auch noch ein paar andere, die eben nicht für die eine große Sache brennen und sich gelegentlich über sich selbst wundern, wenn mal wieder jemand fragt Und wofür brennst du?

goodbye and fernwell,

Miriam

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4 Comments

  • Reply DragonDaniela

    Na toll.. Capcha falsch und jetzt ist der Text weg…

    Mir geht es da ähnlich. Ich brenne auch für nix bestimmtes. Ich probiere gerne Sachen aus und entdecke neues. Ne weile kann ich mich immer für irgendwas begeistern aber das kann von heute auf morgen einfach weg sein.
    Ich finde es immer toll, wenn sich Leute für etwas bestimmtes Interessieren und darin perfekt werden.
    Ich weiß nicht, vielleicht habe ich einfach noch nichts gefunden, für das ich brennen kann. Vielleicht ist es aber auch einfach schön neues zu entdecken.

    10. September 2017 at 20:15
  • Reply Jule

    Ich glaube, dass das nicht jeder hat und jeder braucht, eine Sache für die man brennt. Das soll jeder machen wie man denkt. Dein Gefühl kann ich total gut nachvollziehen. Man sieht überall Leute die was tolles machen und fühlt bei sich selbst einen Mangel. Aber ganz ehrlich, jeder der seinen Alltag und Berufsleben meistert, sogar noch Kinder groß zieht, der macht schon total viel. Das sieht nach außen vielleicht nicht groß aus, aber das ist auch alles andere als unnütz. Und dann macht man halt noch was, was einen interessiert, heute dies, morgen das. Es muss nicht alles perfektioniert und monetarisiert werden. Das hat irgendwie auch schon wieder so viel mit Leistungsgesellschaft zu tun. Alles was man tut soll einen Nutzen haben. Und sei es nur der der Selbst- /Außendarstellung. Ist okay. Aber ich bleibe dann lieber langweilig.

    3. September 2017 at 16:50
  • Reply Vanessa

    Ich glaube schon, dass da eine Sache ist, für die du brennst. Für die Veränderung. Dafür dich weiterzuentwickeln und Neues zu probieren, dich nicht einzufahren in einen Weg/auf eine Schiene. Entdecker sein. Das ist vielleicht nichts, mit dem man irgendwann einen Dawanda-Shop eröffnet um es zu monetarisieren, aber es ist etwas. Und ich finde, dass ist etwas Gutes.

    3. September 2017 at 10:20
    • Reply miriam von fernlane

      Da hast du Recht und das haste gut gesagt. Besser als ich vielleicht jemals könnte.
      Veränderung und immer was Neues sind mein Ding – aber eben keine eine große Sache, nach der ich manchmal relativ verzweifelt suche, weil ich denke, ich müsste mich jetzt auch mal in was perfektionieren wollen.
      Perfektionieren und ständige Veränderung schließen sich ja fast grundsätzlich aus. Umso wichtiger, dass mir das langsam mal bewusst wird.

      3. September 2017 at 10:33

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