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    what the fern / „Und dieses Lied kennen ja alle Mamas…!“

    what the fern: Millennials, die Häuser für Hunde kaufen

    Ich war ja mental auf viele Schwierigkeiten in diesem Elternding vorbereitet, aber auf eine nicht: traditionelle Kinder- und Volkslieder. Egal welchen Kurs fernlanekid und ich belegen – früher oder später wird gesungen. Meistens eher früher als später. Zur Begrüßung, so zum Aufwärmen quasi. Und im Mittelteil und dann nochmal zum Schluss. Quasi immer.

    Best case: Bruder Jakob

    Bestenfalls gibt es ein Textblatt und man muss nur die Melodie von Bruder Jakob einigermaßen können. (Zur Melodie von Bruder Jakob kann man nämlich alles singen, aber das ist nochmal ne andere Geschichte.)
    Nicht bestenfalls, also meistens, fällt der Satz „Und dieses Lied kennen ja alle Mamas…!“ und es wird gesungen. Ohne Textblatt. Ohne Bruder Jakob. Gerne auch mal Schlaflieder zum Ende der Mama-Baby-Yogastunde am Vormittag. Meistens irgendwas aus der Kategorie traditionelles Volkslied – denn die „kennen ja alle Mamas“.

    Gott und Schafe auf Autopilot

    Alle singen dann. Außer mir. Ich kenne „dieses Lied“ in der Regel nämlich nicht im Detail, wenn denn überhaupt. Oft finde ich es auch entweder furchtbar, fragwürdig oder auch gerne mal furchtbar fragwürdig.
    Hören die, was sie da singen? Oder laufen da die 17 Strophen von irgendeinem Schlaflied über Gott und Schafe auf Autopilot ab? „Guten Abend, gut Nacht“ – am Vormittag – und dann irgendwas mit Rosen und du wirst erst morgen Früh (wenn Gott will, aber auch nur dann) wieder geweckt, mein Kind.

    Reagieren die einfach nicht so sensibel auf Texte wie ich? Ist das ein Fall von „macht singt man halt so“?

    Geheime Kurse für Traditionslieder?

    Mal abgesehen davon, dass die Texte für mich oft in die Kategorie furchtbar fragwürdig fallen, frage ich mich, woher zur Hölle „alle Mamas“ diese Lieder kennen. Nicht so grob vom Hörensagen kennen, sondern den Text aller Strophen kennen.

    Gibt es da (geheime) Kurse? Muss ja fast! Sind die nur für Mütter? Oder können Väter diese Lieder auch? Hätte das Jugendamt uns im Adoptionsbewerberverfahren da nicht anmelden müssen? Bin ich jetzt überhaupt eine echte Mama (Auch nochmal ne andere Geschichte.), wenn ich nicht bei diesem Kurs war? Wo in meinem Leben bin ich falsch (oder richtig) abgebogen, dass mir nicht vollumfänglich bekannt ist, wieviele Sternlein denn nun am Himmel stehen? Gefällt das den Babys? Meins wirkt genervt und schreit dann gerne mal. Sind die anderen Babys daran gewöhnt Singen „alle Mamas“ diese Lieder auch zu Hause?

    Drake vs. Heidelberger Romantik

    Apropos Lieder zu Hause: Wir hören zu Hause viel Musik und fernlanekid hat nach wie vor ein Lieblingslied: Hotline Bling von Drake. Hotline Bling rettet hier den Tag und die Nacht – und mittlerweile schlafe selbst ich bei seinen Klängen hervorragend: Wenn fernlanekid nachts unruhig wird, nuschle ich „Alexa, spiele Hotline Bling“ und wir schlafen alle weiter.

    Hotline Bling fällt textlich natürlich auch in die Kategorie furchtbar fragwürdig sexistisch (toxic masculinity, so fragile), aber ich kann mich dennoch eher damit anfreunden als mit diesen naiv-verklärten Volksliedern aus dem 19. Jahrhundert. (Looking at you, Heidelberger Romantik Bros Arnim von Achim und Clemens Brentano und euer Knabens Wunderhorn – sorry, Germanistikcontent.)

    Mom‘s Spaghetti

    Ich bin also diese Mutter, die nicht singt. Ich singe nicht generell nicht, ich singe sogar oft mit. Das gilt für Hotline Bling und auch für alle anderen Lieder, die mir meinen Spotify Jahresrückblick versauen. Wir sind bei weitem kein musikloser Haushalt.

    Ich performe am Wickeltisch zu Disney Songs und rappe mehrmals täglich sehr zur Erheiterung des Kindes bei Lose yourself mit. „There’s vomit on his sweater already, mom’s spaghetti“ – sehr kindgerecht, passt auch gut zur Beikosteinführung.

    Aber einfach nur so für das Kind singen? Kinderlieder? Volkslieder? Schlaflieder? Mache ich nicht. Ich behaupte mal, das würden wir beide hassen (und der Hund vermutlich auch).

    Wir lassen das also und sind dann bei jedem Kurs dieses seltsame Mutter-Tochter-Gespann, bei dem die eine nicht singt und die andere den Gesang mit lautem Weinen übertönen will. Besser nen schlechtes Eindruck hinterlassen als gar keinen.

    You only get one shot, do not miss your chance to blow
    This opportunity comes once in a lifetime

    goodbye and fernwell,

    Miriam