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Sag mal, Miriam, was war da eigentlich los diesen Sommer?
(Kurzfassung: Wir adoptieren ein Baby und bauen unser Haus um.)

Unser Sommer war ereignisreich und verlief absolut nicht wie geplant: Wir wurden Eltern von fernlanekid, das per Adoption in unser Leben trat. Bislang habe ich das hier auf dem Blog nicht thematisiert, sondern nur auf Instagram und auch dort eher oberflächlich. Ganz ehrlich: Wir wissen im Moment einfach selbst nicht, was und wie viel und wie tief wir preisgeben wollen. Es gibt einige Themen, die sind ganz klar für die Öffentlichkeit und sogar den (weiteren) Freundes- und Familienkreis tabu, einige die sind ganz klar zum Teilen mit der Welt und die meisten sind irgendwas dazwischen.
Auf Instagram tauchte mehrfach der Wunsch auf, dass ich doch mal aufschreibe, was diesen Sommer eigentlich so los war – schließlich war da plötzlich ein Baby und wir wohnten außerdem viele Wochen auch nicht in unserem Haus. Ich versuche nun also mal zusammenzufassen, welche Überraschungen der Sommer 2019 für uns hatte.

 

Ein Anruf im Mai

Als an einem Donnerstag im Mai, abends um 18:01, das Telefon klingelte und die Nummer vom Jugendamt auf dem Display erschien, blieben uberhusband und ich cool. Klar, wir hatten im Winter das Adoptionsbewerberverfahren beendet. Und klar, unterschwellig wartet man auf diesen einen Anruf, aber doch nicht jetzt. Wir hatten gerade begonnen unser Haus auszuräumen, weil der große Umbau von Bädern und Küche anstand, und unser Kopf war voll damit. Außerdem hatten wir sowieso mit einem rein organisatorischen Anruf gerechnet, da unser Sachbearbeiter in Rente ging und seine Nachfolgerin uns noch nicht kannte.

Im Telefongespräch ging es zunächst auch um diese organisatorischen Dinge, dass man sich ja mal kennenlernen solle und so weiter – bis aus dem Telefonlautsprecher plötzlich die Information tönte, dass in naher Zukunft wohl ein Baby geboren würde, dessen Eltern wir werden sollten.

Wait what? Am Telefon behielten wir so ziemlich unsere Coolness, aber nachdem wir aufgelegt hatten, war es damit vorbei. Ich kreischte erstmal hysterisch los, dass das Timing eine Katastrophe sei, da wir jetzt umbauen und uberhusband 40 werde und wir Urlaub gebucht hätten und überhaupt. Natürlich war das alles vollkommen irrelevant, denn natürlich wollten wir die Eltern dieses Babys sein. Man macht solch ein Adoptionsbewerberverfahren ja nicht mit, weil einem langweilig ist und man gerne wildfremden Menschen von seinem privatestem Leben erzählt.

Spoiler: Das Baby hat den 40. Geburtstag einfach mitgefeiert!

“Alle atmen, keiner heult.”

Ja, was nun. Erstmal eine Whatsapp an die Handvoll Menschen schicken, die von unserem Vorhaben ein Kind zu adoptieren überhaupt wussten. Schnell wurde das Mantra „Alle atmen, keiner heult.“ erfunden, auch wenn sich an den zweiten Teil keiner hielt. Die Nacht war lang und schlaflos. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nichts sicher war, beschlossen wir, dass am nächsten Tag die Arbeitgeber informiert werden sollten. Das lief bei uns beiden wirklich sehr gut, alle reagierten zwar überrascht, aber positiv. Uns wurden keinerlei Steine in den Weg gelegt, sondern im Gegenteil: Wir wurden beim Planen und Beantragen der Elternzeiten unterstützt und ich durfte der ein oder anderen Konferenz, die sich gegen Ende des Schuljahrs ja häufen, fern bleiben, um Termine mit dem Jugendamt wahrzunehmen.

Wir schmiedeten unseren Elternzeit-Plan: Den ersten Monat wird uberhusband Elternzeit nehmen, denn ich möchte das Schuljahr beenden. Für einige Prüfungsklassen bin ich schon die Vertretung für schwangere Kolleginnen und ich finde es meinen Kolleginnen und Kollegen und Schülerinnen und Schülern gegenüber so einfach fairer. Dann fangen bei mir die Sommerferien schon an und wir können den zweiten Lebensmonat damit überbrücken. Das hat den Vorteil, dass ich meine Elternzeit ganz regulär beantragen kann und nicht über ein Härtefallverfahren. Ab dem dritten Lebensmonat gehe ich dann für 12 Monate in Elternzeit und hoffe zum Schuljahr 2020/21 wieder mit reduziertem Deputat einzusteigen, wenn das mit der Betreuung klappt. Seinen zweiten Monat nimmt uberhusband im Mai.
Bis auf den ersten Monat also ein relativ klassisches Modell, womit mein feministisches Herz doch ziemlich struggelt, aber da ich als verbeamtete Lehrkraft die sehr privilegierte Situation habe, mir keine großen Gedanken um eine Karriereknick machen zu müssen und Teilzeit in nahezu jeder Höhe möglich ist, entschieden wir uns eben so.

Cut: Jetzt geht es um den Umbau

Man flieste so vor sich hin.

 

Leider fällt mir nun kein guter Übergang zum Umbau ein, deshalb knallhart: Jetzt geht es ganz kurz um den Umbau. Dieser begann planmäßig im Juni und wir zogen zu meinen Eltern, die wir noch kurzfristig darüber informiert hatten, dass wir nicht nur mit Hund, sondern bald auch mit Baby bei ihnen sein würden. Während wir mein Jugendzimmer bezogen, ging es im Haus gut voran, die alten Fliesen flogen raus, die Rohrleitungen flogen raus, alles flog raus. Und schließlich kam auch alles mögliche wieder rein und es lief trotz großer Hitze, die den Handwerkern sehr zu schaffen machte, recht gut.

Nestbau?

In Sachen Adoption hatten wir viele Termine und waren außerdem daueraufgeregt – Freude, Hoffnung, Sorge und Panik liegen in solch einer Situation sehr nah beieinander. Wir besorgten einige Sachen und, viel wichtiger, suchten einen Namen für fernlanekid aus. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Adoptiveltern den Namen wählen, aber wir durften. uberhusband baute außerdem einen coolen Wickelaufsatz für meine alte Kommode.

Man braucht ja sonst auch allerhand für so ein Baby und zeitweise waren wir völlig gelähmt und überfordert und konnten rein gar nichts tun. Das machte aber nichts, denn wir haben ja Anna und David und die haben noch allerhand Zeug von ihren Kindern. Damit fuhren sie kurzerhand bei meinen Eltern vor und die Liste der Dinge, die wir besorgen mussten, schrumpfte quasi auf null. Niemals werden wir uns dafür ausreichend bedanken können, weshalb ich es jetzt auch lieber lasse und stattdessen heimlich an meinen Dankesplänen weiterarbeite. (Sie beinhalten ein Musical und eine überlebensgroße Statue, aber ich will nicht zu viel verraten.)

fernlanekid ist da!

Ein so süßes Baby kann nichtmal dieser orange Krankenhausstrampler entstellen.

 

Da unser Kind per Kaiserschnitt auf die Welt kommen sollte, hatten wir einen festen Termin auf den wir hin fieberten. Wir waren sehr lange erstaunlich gelassen – mit gelegentlichen Aussetzern. Diese häuften sich gegen Ende immer mehr. Am Morgen des Kaiserschnitts saßen wir völlig fertig neben dem Telefon, die gepackten Taschen neben uns, und warteten auf den Anruf. Als es endlich so weit war, düsten wir los und im Krankenhaus angekommen, ging alles ganz schnell: Das Baby wurde in einem Bettchen aus diesem Babyzimmer auf den Gang geschoben und wir alle kamen in unser Zimmer, ich aufs Bett und das Baby auf mich. Bonding. Und wie uberhusband, der natürlich auch bonden durfte, immer so schön sagt: Das funktioniert in beide Richtungen und es funktioniert sofort.

Erstaunlicherweise funktionierte in diesem Momenten auch unser Mantra „Alle atmen, keiner heult“. Vielleicht wirkte ich sogar manchmal etwas gefühlskalt, aber ich glaube, das war eine Schutzreaktion: Jetzt nur nicht vollkommen emotional zusammenbrechen, du musst jetzt für dein Kind (!!!) da sein!

Zwei Tage verbrachten wir im Krankenhaus, ganz normal auf der Wöchnerinnenstation, und waren alle drei gut drauf. Es fühlte sich ein bisschen wie eine Parallelwelt an, in der alle Frauen (außer mir selbst) sehr langsam waren und sehr viele Babys in gläsernen Betten durch die Gegen geschoben wurden, aber ansonsten war alles irgendwie normal. Ich fühlte mich nicht so fremd, wie befürchtet.

Am dritten Tag sollten wir nach der U2 entlassen werden und nun war auch Schluss mit Mantra und Coolness und Schutzreaktion: Ich heulte pausenlos. Ich heulte beim Aufwachen, beim Füttern, beim Duschen, beim Frühstück, beim Warten auf die U2, während der U2, beim Entlassgespräch, auf dem Weg zum Fahrstuhl, im Fahrstuhl, im Auto, ich heulte wirklich durchgängig. Manche Reaktionen kommen halt zeitverzögert und vielleicht wurde am Tag der Entlassung auch einfach alles noch viel realer und krasser. Unser Kind (!!!), fernlanekid, und wir fuhren nun, einen guten Monat nach dem ersten Anruf vom Jugendamt, als Familie nach Hause.

Erst ein paar Wochen alt und schon ausflugserprobt.

 

Oder fast: Wir wohnten ja immer noch bei meinen Eltern, die aber in Urlaub waren. Ich ging bis zu den Sommerferien arbeiten, uberhusband hatte seinen ersten Monat Elternzeit. Wir bekamen viel Besuch von meiner Familie, unserer Sachbearbeiterin des Jugendamts und glücklicherweise auch einer Hebamme, die so kurzfristig für die Nachsorge Zeit fand. Natürlich musste einiges an Bürokratie geregelt werden, aber die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, der Krankenkasse, den Arbeitgebern und allen anderen Stellen lief prima. Es war natürlich ganz schön viel Trubel, was aber okay war, weil fernlanekid tiefenentspannt war (und ist) und sich das auf uns alle übertrug. Da wir unseren Sommerurlaub natürlich canceln mussten, machten wir viele Ausflüge. Außerdem feierte uberhusband zwischendurch mal noch eben seinen 40. Geburtstag und wir pendelten immer wieder zur Baustelle. Anfang August zogen wir dann zurück in unser Haus, das übrigens alles andere als fertig war (und ist).

Umbauprobleme

Halbfertig. Beispielfoto.

 

Der Umbau hatte nämlich diverse Dämpfer erfahren: Ein erkrankter Bauleiter, ein Handwerker, der irgendwie nur Mist baute (und aufgrund der Erkrankung des Bauleiters nicht zeitnah kontrolliert und korrigiert wurde…), alles mögliche. Es sollte noch einige Tage bis nach unserem Umzug dauern bis wir wenigstens eine Dusche hatten. Fertig ist auch heute immer noch nicht alles, aber bewohnbar, und die meisten Probleme und Zwischenfälle sind nun auch geregelt.

Und jetzt?

Da hatte uberhusband noch Elternzeit.

 

Für die meisten Adoptiveltern kommt nach den ersten 8 Lebenswochen des Kindes ein wichtiger Termin: Dann kann es endlich von den leiblichen Eltern zur Adoption freigegeben werden und die Adoption kann beantragt werden. Bei uns fand beides an einem Tag, bei direkt aufeinander folgenden Notarterminen statt.
Nun bin ich in Elternzeit und verbringe meine Tage zwischen Kind, Hund, dessen Begeisterung für fernlanekid noch verbesserungswürdig aber auf einem guten Weg ist, Haushalt, Babymassage und Handwerkern. Uns geht es allen gut und wenn ein wenig bürokratischer Kram sich zeitnah regeln lässt, fahren wir Ende des Monats zu viert ein wenig verspätet, aber happy in einen nachgeholten Sommerurlaub.

 

Der Sommer lief also absolut nicht wie geplant – und das ist das Beste, was uns jemals passiert ist. Am Ende passt das unmögliche Timing, das mich beim ersten Anruf so aus der Bahn warf, sogar ziemlich gut.
In Zukunft schreibe ich sicher hin und wieder etwas zur Adoption, aber im Moment bin ich einfach noch nicht so weit. Wer eine Frage (oder mehrere Fragen) hat, kann sie aber gerne stellen und bei Gelegenheit beantworte ich sie (oder auch nicht, falls es um die Dinge geht, die wir nicht teilen).

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5 Comments

  • Reply life on fernlane - 21. und 22. September 2019: Unser erstes Wochenende in Bildern (und Worten, weil ich offensichtlich das Konzept noch nicht so ganz verstehe.) - life on fernlane

    […] ich jetzt ja Mutter bin, kann ich hier auch ruhig mal so Elternbloggerdinge tun. Am Wochenende in Bildern teilnehmen, […]

    22. September 2019 at 20:14
  • Reply Haydee

    Vergiss es, ich heul jetzt.. nein wie verrückt. Und was für ein Kraftakt. Toll, dass es euch gut geht! Die besten Wünsche und ich bin gespannt auf weiters von der “fernlane-front” 🙂

    14. September 2019 at 08:31
  • Reply Sarah

    Alles alles Liebe und tausend Dank für den Einblick. Ihr seid großartig!

    14. September 2019 at 08:18
  • Reply Monika Thiede

    Oh Mensch, ihr zwei… nein, drei! Ich freue mich so sehr für euch. Ich habe schon ein wenig Tränen in den Augen jetzt. Kam bei mir auch zeitverzögert, als ich diesen Kommentar anfing zu schreiben. Es ist unglaublich, wozu man in der Lage ist, wenn ein Kind im Spiel ist. Diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. Und bei euch muss es noch viel krasser sein, weil ihr euch nicht darauf klassisch vorbereiten konntet. Meinen größten Respekt für euch, wie ihr es gewuppt habt. Ich drücke euch drei ganz doll (keine Angst, ich zerdrücke das Baby nicht ;), aber Kinder können nicht genug gedrückt werden).
    Liebe Grüße von der jetzt heulenden
    Monika

    14. September 2019 at 07:47
  • Reply Rita

    Nein, keiner heult! ❤️

    13. September 2019 at 18:44
  • Leave a Reply

    Ich stimme zu.